Beim Tierarzt | Wenn Sensibilität zum Hindernis wird

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Beim Tierarzt

Wann ist Sensibilität hinderlich, habe ich mich heute ernsthaft gefragt. Normalerweise halte ich diese Eigenschaft für überaus nützlich, schätzenswert und durchaus angenehm. Aber manchmal kapituliert die Sensibilität, wenn das Umfeld nicht mitspielt bzw. ihr entgegenkommt. Sensibel, sind viele Menschen, die meisten, ganz normal eben. Ist man aber feinfühliger, sensitiv oder eben hochsensibel, dann ist die Wahrnehmung gleich nochmal ganz anders. Verschärft, würde ich es nennen. Somit wird man schnell zum Spielball äußerer Faktoren, die man selber kaum beeinflussen oder steuern kann. Das heißt, entweder man erträgt es oder man zieht sich zurück. Manchmal ist das die bessere Alternative. In manchen Fällen geht es aber nicht.

Meine Frage geht aber noch weiter. Könnte man heutzutage nicht viel mehr in öffentlichen Bereichen darauf eingehen? Mit wieviel Aufwand wäre so etwas verbunden. Wie sieht da eine Kosten-Nutzen-Rechnung aus. Und will man das überhaupt und führt es evtl. zu einer Klassengesellschaft. Das hört sich alles sehr abstrakt an. Was hat das mit Mensch und Hund zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nichts aber nach unserem heutigen Tierarztbesuch, frage ich mich, ob man von den gängigen Modellen im „öffentlichen Raum“ mal Abstand nehmen könnte. Abstand um zu gucken, wo es vielleicht Verbesserungsbedarf gibt. Wie kann ich Mensch und Tier besser abholen in der Praxis. Das Ganze lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. Ganz sicher.

Heute stand ein Tierarztbesuch an.

Erstens, weil Fridas Blutwerte nochmal kontrolliert werden mussten und zweitens, weil sie mit leichtem Durchfall zu kämpfen hat. Das kommt um diese Jahreszeit gerne mal bei ihr vor. Da wir nun unseren vorbildlichen Tierarzt in Hamburg zurückgelassen haben, dachte ich, ich gehe mal nach Beurteilungen aus dem Netz. Fast nur positive Einträge und lange Danksagungen können nicht nur geschönt sein. Ich habe auch noch meinen alten Tierarzt von ganz früher aber auch er liegt nicht so nah dran. Ich weiß auch nicht, manchmal kommt man eben auf solche Ideen und irgendwie hatte ich dann heute morgen schon ein blödes Gefühl. Ich schiebe es aber auf das allgemeine Unwohlsein, wenn man eben zum Arzt geht. „Schiebe es zur Seite.“ denke ich.

Wir fahren früh genug los, damit wir nicht in Zeitdruck geraten. Auch ich mag mich vor Terminen nicht abhetzen. Pünktlich da, stehen wir erst mal vor der Tür. Ich wundere mich, denn es ist kalt. Bin ich so früh? 10 Minuten eher aber das ist doch egal, oder? Ich klingele. Keiner macht auf. Dann drinnen Gebell und Aktion. Ich höre nur „Es dauert noch ein paar Minuten.“ Dann denke ich, jetzt öffnet jemand die Eingangstür. Aber nein, wir müssen draußen stehen bleiben. Frida zittert am ganzen Körper. Ich weiß, es ist hauptsächlich die Anspannung aber sie friert auch extrem schnell. Ehrlich gesagt, ich bin heute nicht in Stimmung und direkt angepisst! …

Jetzt kommt jemand raus und spricht mit Menschen an einem Auto. Ein Notfall. Das verstehe ich. Trotzdem verstehe ich nicht, warum wir weiter draußen warten müssen. Dann doch ein Einsehen. „Na dann kommen Sie halt schon mal rein.“ Ich denke, ich habe mich verhört, frage aber nicht weiter nach. Eine eher gestresste Frau an der Aufnahme begrüßt mich und drückt mir Aufnahmebogen und Stift in die Hand. Jeder kann mal schlechte Laune haben. Auch dafür habe ich Verständnis. Es wird nichts Besonderes abgefragt. Warum nicht? Name, Alter, Rasse, Adresse. Mehr möchte man nicht wissen. Ehrlich?

Mit einem Schlag füllt sich das Wartezimmer.

Die Patienten scheinen hier viel Zeit zu verbringen, denn alle werden mit Namen begrüßt. Hunde, Katzen, Kleintiere. Auf einmal herrscht „Stimmung“. Ein Hund jammert, der andere bellt, die Katze miaut. Der Besitzer sagt etwas von Kratzbürste. Wir sitzen nah beieinander. Kein Platz für Individualdistanz. Ich hätte im Auto warten sollen. Als hätte sie es in meinem Gesicht gelesen, sagt die Dame vorne „Es tut mir leid, dass Sie warten müssen aber der Notfall … Der kann gar nichts mehr …“ Ein Notfall hat immer Vorrang aber mehr möchte ich garnicht wissen. Der Hund von draußen wurde bereits auf einer Bahre durch das Wartezimmer geschoben. Dieses ist übrigens auch der Eingangsbereich. Man bekommt alles mit, draußen, drinnen und natürlich auch sämtliche Geschichten. Durchgangsverkehr und Bahnhofsgefühl. Ich bin zu empfindlich, denke ich mal wieder. Und was denkt eigentlich der Hund?

Es tut mir leid. Ich bin keine Quatschtante und möchte das alles auch garnicht hören. Mein Hund hat Stress und ich auch. Nimmt das einer zur Kenntnis? Nein. Werde ich angesprochen, antworte ich kurz und möchte meine Ruhe und nicht die Krankenakte meines Vierbeiners ausbreiten. Die französische Bulldogge kommt plötzlich empfindlich nah an der Flexileine auf uns zu. „Bitte halten Sie ihren Hund bei sich. Meine Hündin hat Stress und geht nach vorne.“ Ich ernte einen verständnislosen Blick und fühle mich schlecht. Warum? Weil ich nicht in das Bild der netten, umgänglichen Hundehalterin passe?

Der Notfall wurde eingeschläfert. Er wird von einem Raum in den anderen geschoben. Frida sitzt zitternd zwischen meinen Beinen. „Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren, Nina. Was ist eigentlich los mit dir???“ Das frage ich mich schon die ganze Zeit. Je souveräner ich hier auftreten möchte, desto schwerer fällt es mir. Ich entgleite mir in meine Gefühlswelt. Ich fühle Schmerz von Menschen, die einen Hund gehen lassen mussten. Ungnade von einer überforderten (?) Sprechstundenhilfe. Die Not der anderen, ihre persönlichen Geschichten loszuwerden und meine eigene Hilflosigkeit als hochsensibler Mensch. „Mach jetzt dicht, sonst kommen die Tränen.“ Das passiert mir schon mal, wenn alles zu viel wird.

„Sie können jetzt reinkommen, Frau Miltner.“

Wie in Trance stehe ich auf und möchte eigentlich zur Eingangstür gehen. Nur weg hier! Aber das geht nicht. Ich brauche doch die Ergebnisse bzw. wir sind hier zur Blutabnahme. Im Sprechzimmer ist es angenehm ruhig. Es riecht nicht streng und die Ärztin ist freundlich. Nach ein paar klärenden Sätzen hebe ich Frida auf den Tisch. Die Arzthelferin hält sie einfach nur fest ohne zu reden. Danke! Eigentlich wollte ich viel mehr erzählen und klären aber es geht nicht mehr. Mein Vertrauen ist irgendwo zwischen den ganzen Eindrücken abhanden gekommen. Warum, passiert gerade mir das? Bin ich wieder zu sensibel?

Der Rest geht schnell und am Ende freut sich Hund über Leckerchen. Ich sage zu allem „Ja“ und „Danke“, weiß aber schon jetzt, dass ich nie wiederkommen werde. Die Ergebnisse bekomme ich ja per Telefon.


Was ist da passiert? Eine Verkettung unglücklicher Abläufe gepaart mit schlechtem Raummanagement und meiner sehr sensiblen Wahrnehmung? Man könnte jetzt sagen, okay, kann ja mal vorkommen. Aber ich erlebe es ganz oft. Warum werden sich so selten Gedanken darüber gemacht, was z.B. in einen Wartezimmer stattfindet. Hätte der Raum mehr Platz, müssten die Menschen nicht aufeinander hocken und jeder alles mitbekommen, dann wäre es sicherlich schon viel entspannter, nicht nur für mich. Ich kann mir vorstellen, was das für manchen Vierbeiner bedeutet. Ich muss nur meine Hündin anschauen. Dabei sei aber nicht zu vergessen, dass Stimmungen sich hier übertragen. Von Hund auf Besitzer und umgekehrt. Von anderen Tieren und Menschen. Olfaktorische, visuelle und auch akustische Reize kommen hinzu. Habe ich da noch einen sensible Kandidaten an der Leine, dann wird jeder Besuch zu einem unvergesslichen Albtraum.

Muss das sein? Nein. Wenn man Praxen nicht nur funktionell einrichtet, dann kann man mit wenigen Veränderungen ein entspannteres Umfeld schaffen. Gerade im Hinblick auf die Tiere, wäre das doch äußerst wünschenswert, oder nicht? Aber gerade bei Tierärzten habe ich oft das Gefühl, dass das Tier in zwei Teile geteilt wird. Körper und Seele, aber getrennt. Und die Seele bleibt bitte draußen. Jetzt kann man sagen, dass ist doch erst mal egal, denn Hauptsache es wird geholfen. Ja klar. Auf den ersten Blick sollte das immer im Vordergrund stehen aber das eine schließt das andere nicht aus. Oder ist es ein reiner Kosten- und Zeitfaktor. Ich vermag das nicht zu beurteilen und ich weiß, dass dies nicht bei allen Ärzten so ist!

Yin und Yang im Wartezimmer oder auch Feng Shui. Egal wie man es am Ende nennt, ein Versuch wäre es wert. Ich hätte da so viele Ideen, die man mit nicht viel Aufwand umsetzen könnte. Sich nicht anstarren können, gehört für mich an oberste Stelle, genauso wie Geruchsbelästigung beseitigen. Wenn ich schon das Gefühl habe, ich ersticke, dann muss es meinem Vierbeiner ja noch mehr in die Nase steigen. In manchen Praxen hängt noch der Mief der letzten 15 Jahre. Wenn Hund und Katze sich eh schon Spinnefeind sind, wieso müssen sie dann einträglich nebeneinander sitzen. Weil es halt nicht anders geht! Nirgendwo sonst findet man alle Kriterien für ein nettes Miteinander so ausgehebelt, wie bei manchem Tierarzt. Hat sich darüber noch nie einer Gedanken gemacht?

Vielleicht benehmen sich auch genau deshalb so viele Hunde „seltsam“ beim Tierarzt?!

Sehe ich es zu eng? Mag sein. Aber es gibt sie, die anderen, wenn auch wenigen, so viel ich weiß. Das nächste Mal werde ich den weiten Weg mit einem Besuch der schönen Stadt Hamburg verbinden oder doch nochmal zu meinem alten Haustierarzt gehen. Frida hat sich abgeregt. Mir hängt das Thema nach. Ich möchte auch nicht unfair sein, denn ich bin ja nicht das Maß aller Dinge. Auch Rücksichtnahme auf die anderen Wartenden spielt eine große Rolle. Nicht alle möchten Kontakt. Da ist vielleicht auch mal einfach Klappe halten angesagt. Gerade wenn es um Verlust geht, der so offensichtlich ist. Sterben gehört zum Leben dazu. Nur ist der würdevolle Umgang für mich definitiv ein anderer. Aber das ist auch ein ganz anderes Thema.

Als hochsensibler Mensch, sehe ich manche Dinge einfach anders und nehme sie anders wahr. Da ich damit nicht allein bin, schreibe ich darüber. Das heißt aber nicht, dass es „deine Meinung“ sein muss. Deswegen kannst du auch gerne deine Sicht auf das große Ganze hier erzählen.

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  1. Hallo liebe Nina,
    ich verstehe Dich sehr gut. Ich hatte mit meinem Kleinen auch einige mißglückte Tierarztbesuche bis wir den richtigen fanden. Wichtig ist, nicht alles über „uns“ ergehen zu lassen und sensibel dafür zu bleiben, was unserem Liebling gut tut. Natürlich schreit meiner immer noch nicht „Hurra“ wenn wir zum Tierarzt gehen, aber Leckerli direkt nach dem bösen Behandlungstisch geht schon wieder:-)
    Ich wünsch Dir weiterhin alles Liebe für Dich, Frida und Deinen Blog!

  2. der weisse hund 29. April 2018

    Liebe Conny,
    vielen Dank für deine Rückmeldung. Wir haben die Untersuchungen bei dem TA abgeschlossen und werden uns jetzt um einen anderen bemühen. Letztendlich muss ich ehrlich sein, es war nicht alles verkehrt. Das ist eben das Ding mit Gefühlen und Empfindungen aber grundsätzlich habe ich mich nicht wohlgefühlt. Die Untersuchungen waren aber soweit ok. Obwohl bei der letzten auch schon wieder falsche Aussagen im Vorfeld getätigt wurden und ich dann gleich wieder genervt war. So etwas sorgt dann nicht für Vertrauen oder Verbesserung der Emotionen. Der Ultraschall war allerdings für meine Hündin eine tolle Erfahrung, denn es hat wirklich super gelappt, wir hatten alle Zeit der Welt und die Ärztin mit Helferin höchst empathisch. Die Ergebnisse letztendlich haben erst mal für Entwarnung gesorgt und nun arbeiten wir mit einer sehr netten und kompetenten Heilpraktikerin zusammen. Ich bin gespannt.
    Liebe Grüße Nina

  3. Dann bin ich mal gespannt auf die News der Heilpraktikerin. Bestimmt eine neue Sichtweise ,weil sie sich nicht nur auf die Symptome stürzt. Das fehlt mir immer ein bischen bei den Tierärzten:-(
    Alles Liebe

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