Soziales Miteinander bei Hund und Mensch

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Es ist in aller Munde, das soziale Miteinander. Es kann alles oder nichts bedeuten und doch gibt es Vorträge, die einem einen Hauch davon geben, was dieses soziale Miteinander heißen könnte.

Vor einigen Tagen war ich bei einem Abendvortrag in Düsseldorf. Fast 4 Stunden gebanntes Zuhören. Wann immer es passt und ich im Rheinland bin, schaue ich, ob bei Animal Info eine Veranstaltung stattfindet. Dieses Mal hatte ich wieder Glück.

Beschäftigung für den Familienhund

Ein Abendvortrag mit Dr. Udo Ganslosser und Thomas Baumann

So lautete das Thema. Über die „ richtige“ Beschäftigung findet und hört man heutzutage so viel, dass ich mich oft frage, wie schaffen Mensch und Hund überhaupt noch dieses ganze Pensum, welches zum normalen Alltag hinzukommt? Da sich die Hundewelt auch immer schneller dreht und die Erkenntnisse in Sachen Beschäftigung genauso schnell verschwinden wie sie publik werden, ist gerade dieses Thema wahnsinnig spannend. Zu viel oder zu wenig. Mehr oder weniger. Oder eher was?

Worum geht es?

Es geht um die Erhöhung der Lebensqualität bei „normalen Haushunden“ sprich Familienhunden, durch individuellen und gezielten Einsatz motivierender Beschäftigungsmodelle. Ich denke direkt an Leckerlies. „Sie machen vieles einfacher, sorgen oft für den ersten Kontakt mit dem Vierbeiner und stärken die Beziehung.“

BITTE? Das denken einige, meiner Meinung nach. Der gezielte Griff an die Jackentasche ist für viele Hunde ein Signal sich etwas abzuholen und gleich wieder zu verabschieden. Der Mensch bleibt oft auf der Strecke. Wie oft liest man in den Foren „Wie mache ich mich für meinen Hund interessant?“ oder „Ich bin eigentlich ein Futterautomat, mehr nicht.“ Leckerlies sind Fluch und Segen zugleich. Sinnvoll eingesetzt können sie aber durchaus helfen.

Der Vortrag startet mit Dr. Udo Ganslosser. Ich mag seine Art und er sagt ungeschönt seine Meinung, auch über „die ganzen Hundetrainer da draußen“. Ich kann seine Bissigkeit nachvollziehen, man kann es auch skurrilen Humor nennen. Das Gute ist, er erklärt die biologischen Zusammenhänge, Abläufe und man kann ihm dabei folgen. Zu verstehen, was passiert im Hund, gehört genauso dazu, wie die Videos am Ende von Baumann. Ganslosser verweist auf das liebste Hobby des Hundes –  „Hund sein“. Mehr nicht. Ich muss schmunzeln. Aber was bedeutet das eigentlich?

Seinen Ausführungen nach, 18 von 24 Stunden ruhen. 2,5 Stunden soziales Miteinander, maximal 1,2 – 1,5 Stunden für den gesamten Funktionskreis Nahrung. Der Rest davon ist einfaches Herumschlendern, Schnuppern und Erkunden. Wo finden nur die ganzen Sportarten und Unterhaltungen statt, die wir unseren Vierbeinern bieten?

Bitte nicht stören!

Man müsste sie wohl dem Herumschlendern usw. zuordnen. Schauen wir uns „normale“ Hundegruppen an, dann geben sie selten Gas. Mal ein paar Minuten aber das war es auch. Würden unsere Haushunde Slalom oder Parcours von alleine laufen? Würden Sie Menschen retten und bespaßen? Würden Hunde auf einem SUP Board in der Sonne stehen? …

Mit Hunden etwas zu unternehmen ist das eine, sie ständig irgendwo einzubinden ist Arbeit, auch für den Hund! Sei es als Assistenzhund oder eben auch beim Agility Training. Menschen, die sagen, mein Hund hat wahnsinnig viel Spaß und Freude daran, denen kann ich nur sagen, das glaube ich kaum. Es tut mir leid.

Frag mal deinen Vierbeiner. Gut, dass sie nicht antworten können. Körpersprache und Krankheiten sagen allerdings schon eine Menge aus. Nur wird dies selten richtig gedeutet und noch lieber übersehen. Sport bringt Ansehen und manchmal auch Geld – es belohnt den Menschen.

Und wie belohnen wir unseren Hund? Gerade die ADHS Hunde belohnen sich gleich selber mit ihrem Verhalten bzw. mit unserer ständigen Überforderung an Bewegung und Reizen. Es werden Hormone ausgeschüttet. Heißt, der Vierbeiner möchte diesen Zustand gerne öfter erreichen. Es fühlt sich gut an. Hat aber auch einen erhöhten Stresspegel zur Folge. Auf Dauer ungesund und schädigend.

Es ist also immens wichtig, sich anzuschauen, was ein Hund für „Hobbys“ hat. Wie passt das zum Alltag und was kann ich als Mensch tun, um diese zu erfüllen? Wir sind immer noch beim „normalen Haushund“! Ganslosser bezieht sich hier auf das Konzept der funktionellen Substitution. Heißt, Handlungen aus dem arteigenen Verhaltensrepertoire sollten auch unter künstlichen (!) Haltungssystemen irgendwie simuliert werden. Das kommt letztendlich aus der Laborhaltung.

Am Ende sollte immer der selbstbestimmte Erfolg der Handlung stehen. Dann handelt es sich um eine sinnvolle Verhaltenskette. Also schnüffeln, riechen, suchen unter moderaten Umständen. Am Ende steht die Belohnung. Erfolg aber auch Misserfolg, wird gemeinsam „gefeiert“! Hund und Mensch teilen Emotionen.

Ganslosser spricht an diesem Abend von biologisch sinnvollen Beschäftigungen. Darunter fällt die Alltagsbewältigung, Erziehung und Beziehung. Vor dem ersten Lebensjahr, sollte Hund nicht trainiert werden. Die zweite Lebenshälfte im ersten Lebensjahr ist anfällig für die Festigung von Fehlverknüpfungen. Suchtverhalten kann entstehen. Zielgerichtete Arbeit sollte hier nicht stattfinden, z.B. Bällchen werfen, packen und schütteln.

Ein Welpe zieht ein. Großes Glück.

Der Mensch sollte sich mit seinem Vierbeiner durch den normalen Wahnsinn Alltag kämpfen, mehr eigentlich nicht. Und wie wir alle wissen, ist gerade der schon eine große Herausforderung. Trotzdem kommen hier regelmäßig die ersten Zweifel beim Menschen. „Biete ich meinem Hund genug? Langweilt er sich nicht? Meine Freundin geht schon zum Mantrailing.“ Usw.

Ab dem 2. – 3. Lebensjahr geht es in der Ausbildung und im Training um Gymnastizierung. Die Perfektion der Bewegungsabläufe. Das natürliche Verhaltensrepertoire wird aufgebaut und gefestigt.

Bindung ist unabhängig von Arbeit.

Ein Mensch-Hund-Team, welches ständig zusammen arbeitet, muss keine feste oder gute Bindung haben und umgekehrt. Wichtig sind Emotionen, die beide gemeinsam erleben, leben und bestenfalls zu einer guten Bindung führen. Laut Ganslosser ist dies ganz besonders ausgeprägt zwischen dem 6. und 8. Lebensmonat. Gerade hier sollte man in den Vierbeiner „investieren“.

Zeit und Muße. Kuscheln, Sicherheit, Kontakt. Wenig Zeit zu haben ist ein Killer. Und damit meine ich nicht, einfach nur da zu sein, den Hund an der Leine hinterherzuziehen. Die Nähe zum Menschen spielt eine ganz wichtige Rolle. Und hier sind wir bei dem sozialen Miteinander. Soziale Beschäftigung sorgt bei unseren Hunden für Zufriedenheit.

Was ist Zufriedenheit?

U.a.
– eigene Lösungswege finden
– ein Gefühl für sich entwickeln
– Selbstleistung erbringen

Es ist nicht nur Bedarfsdeckung und Schadenvermeidung, für die wir Sorge zu tragen haben. Geselligkeit ist ein wichtiger Faktor. Die soziale Annäherung, die wir langsam aber sicher verlernen in unserer Welt. Wir haben Handys in der Hand, kommunizieren nicht mehr zueinander hin, face to face, sondern wir sind gehemmt im Miteinander. Gerade unsere Tiere sind aber darauf angewiesen.

In der Ruhe liegt die Kraft. Wie ich oben geschrieben habe, schlafen unsere Hunde im Durchschnitt 18 Stunden am Tag. Sie sollten es bestenfalls. Wir hindern sie aber meist daran. Unsere Tagesabläufe sind schnell und optimiert. Alles ist getaktet. Hund muss das mitgehen ob er will oder nicht, denn sonst ist er meist viele Stunden alleine. Deswegen schicken wir ihn in die HuTa. Auch hier haben die wenigsten Hunde Ruhe. Bedarf und Bedürfnisse werden einfach übersehen bzw. müssen übersehen werden, weil der Hund sonst so garnicht in unser Leben passt. Dann muss er weg.

Was bleibt?

In den letzten beiden Stunden werden von Thomas Baumann kleine Videos gezeigt. U.a. auch über Multibox Training. Ein Tool, welches ich vorher noch nicht kannte und mich sehr fasziniert hat. Hunde werden durch am Boden liegende Stangen einfach „abgegrenzt“. Sie sind nicht hoch und liegen an einer Wand, so das ein kleines Viereck entsteht.

Herrchen oder Frauchen sollen ihren Vierbeiner in dieser Box halten, mit der Körpersprache. Der Hund darf nicht ausbrechen, soll aber auch nicht abschalten, sondern immer ein Ohr für seinen Halter haben. Spannend! Hier konnte man soziale Kommunikation sehen oder eben auch nicht. Mensch muss mehr da sein oder er muss sich zurücknehmen. Für viele ein großes „Hallo“.

„Spiel mal mit deinem Hund!“ Auch ein gutes Beispiel für verlorengegangene soziale Kommunikation. Denn als erstes folgt der Griff an die Tasche. Wieder das Leckerlie als Teaser. Hier konnte man gut erkennen, dass solche Hunde, wenn sie herangerufen werden, erst mal die Hände ihres Halters abscannen bei der Begrüßung. Findet sich da nichts, dreht Hund ab und lässt sich kaum motivieren. Das macht nachdenklich. Ich habe es selber direkt ausprobiert. Steht meine Verbindung mit meinem Hund? Kleine Übungen mit großer Erkenntnis.

Ich habe noch vieles gehört und gesehen an diesem Abend. Jeder sollte sich ab und zu so einen Vortrag anschauen. Für mich ist es immer wieder ein Anhaltspunkt meine Arbeit zu überdenken, zu hinterfragen, nicht hängenzubleiben und vor allem auch Chancen für unsere Haushunde aufzugreifen in unserem täglichen Miteinander. Oft fehlt das Verständnis, da wir gerne 1 zu 1 übertragen aber das geht nicht.

Auch wenn Hunde sehr soziale Wesen sind, sind sie keine Menschen. Aber sie leben vom sozialen Austausch mit uns und sie haben es verdient, dass wir uns informieren, Gedanken zum Umgang machen und uns immer wieder hinterfragen und auch mal betrachten lassen. Was mache ich da eigentlich mit meinem Hund und warum? Wem dient es?

Ich möchte am Ende noch sagen, dass das meine persönlichen Eindrücke waren von dem Abend. Man fühlt sich ja immer zu dem einen oder anderen Dozenten, Trainer, Wissenschaftler mehr hingezogen. Das ist jedem selber überlassen.

Eines habe ich aber an diesem Abend mitgenommen, nämlich dass das soziale Miteinander etwas ganz Kostbares und außerordentlich Wichtiges ist, in der Kommunikation und auch bei der Haltung von unseren Hunden! Ignorieren wir ständig ihren Bedarf (!), dann werden wir nicht viel weiter kommen mit unserem ganzen Angebot an ihre aber vor allem unsere Bedürfnisse.

Empfehlenswert!

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