Angst essen Seele auf

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Kaum habe ich meinen letzten Blogpost online gestellt, passiert es. Wie passend, wenn man über „an seine Grenzen kommen“ schreibt. Meine Hündin hat ein Trauma. Mit nicht mal einem Lebensjahr, ist sie Sylvester durch den schlimmsten Raketenhagel in Köln auf und davon gelaufen und war zwei Tage verschwunden.

Gefunden hat man sie durch Zufall an einem See unter einer Parkbank, ein paar Kilometer von zu Hause entfernt. Das war eines meiner schlimmsten Erlebnisse mit meinem Hund. Wie es allerdings für Frida war, mag ich mir gar nicht vorstellen wollen.

Als ihr Retter mit ihr vorfuhr, erlebte ich einen innerlich gestorbenen Hund. Trübe milchige Augen, völlig teilnahmslos und verstört. Ich brach erst mal in Tränen aus, aus Dankbarkeit aber auch über das, was ich da wahrnahm. Ob sie je wieder ein glücklicher Hund werden konnte, war mir in dem Moment überhaupt nicht klar. Ich hatte sie erst mal verloren.

Es war ein langer Weg mit sehr vielen Rückschlägen. Jegliche Geräusche, die auch nur im entferntesten an Feuerwerk erinnerten, wurden mit einem Panikanfall quittiert. Auch ich war darauf so sensibilisiert, dass ich alles mögliche mied, damit so etwas nicht passieren konnte.

Aber wie bewegt man sich mit so einem Trauma durch den Alltag. Eigentlich unmachbar. Desensibilisierung, Notfalltropfen, Höhle bauen, Vertrauen schaffen, Situation abchecken, nicht zu viel Stress entstehen lassen usw. usw.. Man kann vieles tun, aber ob es wirklich hilft? Die Zeit hat uns geholfen und letztendlich auch, durch solche Situationen gemeinsam zu gehen. Man kommt einfach nicht drum rum.

Angst essen Seele auf

Es wurde besser. Nach ungefähr drei Jahren, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass nicht mehr jeder Knall und jedes Gewitter, meine Hündin aus der Fassung bringt. Es kommt sehr darauf an, wo, wie, wann so etwas vorkommt. Schlimm ist es, wenn Frida Feuerwerk sehen und hören kann, bzw. das Pfeifen, wenn die Dinger runtergehen. Das ist auch heute noch schwer für sie zu ertragen und Tagesform abhängig.

Vorgestern nun, laufen wir von der Arbeit nach Hause über die Oberhafenbrücke in Hamburg. Dort ist es laut. Der Schall wird noch lauter an dieser Stelle übertragen und vor allem macht es vielen wahnsinnig Spaß, die paar Meter auf der Brücke zu heizen – mit dem Auto. Unfassbar bescheuert und ich frage mich, ob das sein muss!? Ist es das ohrenbetäubende Geräusch, welches so gefällt? Wahrscheinlich ein Adrenalinaustoß pur für die Herren der Schöpfung (zum Kotzen! Entschuldigung) …

Ich ahne schon Böses, als ich die kleine Gruppe sehe. Ein gelber Sportwagen, umringt von ein paar Männern, gibt munter Standgas und es wird laut. Ich gehe schnell, bekomme selber Atemnot, mein Herz rast und ich frage mich warum. Doch es ist klar, unbewusst weiß ich, dass auch mir die Geräuschkulisse Stress verursacht und ich habe immer (!) bei solchen Situationen, den Fokus auf meinem Hund. Sie hängt in der Leine, will weg und in dem Moment knallt es ohrenbetäubend, und gleich nochmal! Der Typ am Steuer lässt die Reifen durchdrehen und ich denke, wir fallen in Ohnmacht. Frida nahe am Herzinfarkt und ich völlig am Ende.

Angst essen Seele auf

Beruhigen ist in so einem Moment nicht möglich. Man macht es damit nicht immer schlimmer, aber manchmal eben doch und verstärkt das Verhalten. Es kommt auf den Hund an. Ich bleibe immer wieder stehen, um sie am panischen in die Leine laufen zu hindern und damit sie Luft bekommt. Es ist nur noch ein Röcheln zu hören. Ich bekomme selber Panik.

Was wird dieses Erlebnis jetzt wieder ausmachen? Wie weit werden wir im schlimmsten Fall wohl zurückgeschmissen? Vielleicht stehen wir jetzt wieder am Anfang eines neuen Problems? Hinter der Brücke nehme ich Frida auf den Arm. Sie wiegt ca. 10 Kilo. Den ganzen Weg nach Hause habe ich sie getragen, fest an mich gedrückt. Manchmal baut Druck auf den Körper, Stress beim Hund ab. Ich bin so wütend, so unglücklich und hätte am liebsten die ganze Welt verflucht. Plötzlich merke ich aber, wie sie sich entspannt, den Kopf auf meine Schulter legt. Ich habe einen Kloß im Hals.

Kurz vor der Haustür lasse ich sie wieder selber laufen. Die Umgebung gibt ihr Sicherheit und kaum habe ich aufgeschlossen, liegt sie im Körbchen. Kein Zittern, kein Verkriechen, sogar gefressen wird. Es gibt zusätzlich Frischkäse mit ein paar Rescue-Tropfen. Kann nie schaden. Frida schläft. Am Abend gibt es nur noch eine kurze Runde, mehr nicht. Auch das läuft relativ entspannt.

Angst essen Seele auf

Sorgen machte ich mir um den nächsten Tag. Erst dachte ich, ich lasse sie zu Hause. Aber dann habe ich mich anders entschieden und wir sind wieder gemeinsam los, Frida im Geschirr. Lust hatte sie keine, aber das hat sie im Moment eh nicht. Also, dachte ich mir, das ist normal. Trotzdem bemerke ich ihr zögern. Aber auch meines!

Mit kleineren Pausen sind wir dann bis zur Brücke gekommen. Ich habe die Seite gewechselt und bin mit geradem Rücken und selbstsicheren Schritt voran gegangen. Es hat geklappt. Ich weiß, dass es ihr nicht geheuer war, aber wichtig für mich war zu sehen, dass sie die Situation vom Vortag gut verarbeitet hat. Früher wäre das nicht so gewesen. Sie hat lange gebraucht um überhaupt von solchen Erlebnissen runter zu kommen. Ich auch.

Was für eine Freude, dann im Büro anzukommen. Vorher waren wir noch beim Bäcker und sie durfte sich etwas aussuchen 😉 Ja, manchmal bin ich so. Nervennahrung für sie und für mich. Man muss auch mal die guten Vorsätze einfach vergessen, auch das kann entspannen.

Gemeinsam ...
Gemeinsam …

„Nachher geht es wieder zurück“. Ich denke natürlich darüber nach, aber versuche es rein objektiv zu betrachten. Es bringt nichts, sich verrückt zu machen. Doch wir sind alle nur Menschen, oder Hunde.

Frida liegt in ihrer Bürokiste und schläft ganz ruhig. Wenn ich sie so beobachte, schlägt mein Herz plötzlich wieder ganz schnell. Aber nicht vor Aufregung sondern vor Glück ♡

Kommentare 3

  1. Liebe Nina, ich weiß wie das ist. Ich bin in Afrika aufgewachsen und habe einen Rebellenkrieg als Jugendliche erlebt…..als ich dann nach dem Abi nach Deutschland kam hab ich jedes Jahr an Sylvester die Hölle erlebt. Hat es geknallt habe ich mich auf den Boden geworfen oder bin in einem Hauseingang verschwunden und habe mich da zusammengekauert…… Du kannst Dir vielleicht vorstellen wie meine „lieben“ Mitmenschen reagiert haben. Mit den Jahren habe ich gelernt damit umzugehen aber wohl ist es mir immer noch nicht. Wenn es den Tieren nur halb so schlimm geht ist es immer noch der Horror…..und man kann es nicht auslöschen. Ich denke so wie Du reagiert hast, das ist die beste Art damit umzugehen.
    Liebe Grüße
    Rosemarie

  2. der weisse hund 27. Mai 2016

    Liebe Rosemarie, das ist ja schrecklich und ich mag mir nicht vorstellen, wie so etwas ist. In solchen Momenten ist es aber auch völlig egal, was die Umwelt über uns denkt, sollte sie darauf befremdlich reagieren. Hauptsache ist doch, dass wir uns selber und unsere Liebsten erst mal schützen. Dir wünsche ich viel Kraft für die weitere Zeit. Alles Liebe Nina

  3. Danke für Deine Worte liebe Nina, die Kraft dazu habe ich inzwischen vor allen Dingen weil mein Wuff vor Knallerei auch Angst hat…..da bin ich als Beschützerin gefragt und komme selbst nicht mehr in die Panik rein und (da muß ich grinsen) auf den Arm nehmen kann ich ihn leider nicht (45 kg) aber ich packe ihn dann im Fell und kraule ihn ganz heftig da kommt er aus dem Kopf aus in den Körper rein, das hilft dann kurzfristig.
    Liebe Grüße
    Rosemarie

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